Im Dezember 2010 pressemitt_ld


 12. August 2010

Umbau von Sohlenschwellen am Laubusbach (Lahngebiet) als effiziente Unterhaltungsmaßnahme (Datei)

 
Die Wiederherstellung der linearen Durchgängigkeit für alle wassergebundenen Lebewesen ist in der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) eine zentrale Forderung des Wasserhaushaltsgetzes (WHG) in der Fassung vom 31. März 2010 und stellt damit die unterhaltungspflichtigen Kommunen und Unterhaltungsverbände vor eine große Herausforderung: organisatorisch, fachlich und nicht zuletzt finanziell. Im Rahmen einer Fachveranstaltung der Gemeinnützigen Fortbildungsgesellschaft für Wasserwirtschaft und Landschaftsentwicklung (GFG) mbH Mainz in Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium Gießen und dem Landkreis Limburg-Weilburg im April 2010 in Villmar an der Lahn, LK Limburg-Weilburg wurde das Fachpersonal der zuständigen unterhaltungspflichtigen Kreise, Städte und Gemeinden sowie Vertreter der Fachbehörden, Mitarbeiter der Bauhöfe und Naturschutzaktivisten über die Schaffung der ökologischen Durchgängigkeit im Rahmen der Gewässerunterhaltung informiert. Die Veranstaltung hat insbesondere praktische Hinweise zur Umsetzung von Maßnahmen in den Vordergrund gerückt.
 
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Foto 1: Bei entsprechender Ausgestaltung ist die
lineare
Durchgängigkeit nicht behindert. Idealerweise  ist, wie bei dieser alten Brücke die Sohle naturnah ausgestaltet und erfüllt als Lückensystem wichtige ökologische Funktionen.
(Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
Am Vormittag stellen verschiedene Referenten das Maßnahmenprogramm gemäß EU-WRRL im Landkreis Limburg-Weilburg vor. Die Teilnehmer der Veranstaltung diskutierten die bis zum Jahr 2015 umzusetzenden Maßnahmen. Die ökologischen, morphologischen und hydraulischen Bedingungen zur Wiederherstellung der linearen Durchgängigkeit der verschiedenartigsten Querbauwerke wurden dargestellt. Außerdem wurde anhand von bereits umgesetzten Beispielen aus Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Baden-Württemberg die Möglichkeiten der Umgestaltung von Abstürzen, Wehren und Verrohrungen im Rahmen der Unterhaltung verdeutlicht. Die verschiedenen Typen der Querbauwerke wurden hinsichtlich ihrer Wirkung auf das Ökosystem betrachtet und kostengünstige Möglichkeiten der Umgestaltung vorgestellt. Auch die Notwendigkeit der ungehinderten Wanderung für Fließgewässerorganismen insbesondere in kleineren Gewässersystemen wurde aus ökologischer Sicht betrachtet.
 
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Foto 2: Die Wiederherstellung der linearen Durchgängigkeit zur

Wanderung von Fischen und Kleinlebewesen in naturnahen
Fließgewässern ist eine zentrale Forderung der
EU-Wasserrahmenrichtlinie. (Foto: Berthold Müller)
 
 
In den hessischen Fließgewässern stellt die oft fehlende lineare Durchgängigkeit zusammen mit den morphologischen Veränderungen einen Belastungsschwerpunkt dar. Viele dieser Defizite, die in den im Dezember 2009 an die Europäische Union übermittelten Bewirtschaftungsplänen dargestellt sind, können im Rahmen einer zielgerichteten ökologischen Gewässerunterhaltung ohne wasserrechtliche Zulassung umgesetzt werden. Das Land Hessen fördert insbesondere Maßnahmen, die im Maßnahmenprogramm 2009-2015 zur Erreichung der Ziele der EU-WRRL vorgeschlagen werden, mit bis zu 85% der anrechnungsfähigen Kosten. Dies ist mit einem Erlass des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (AZ III 4 – 79g 16.07 – 2010) den hessischen Kommunen als Unterhaltungslastträger sowie den unteren Wasserbehörden und der Wirtschafts- und Investitionsbank Hessen, die die Förderanträge bearbeitet, am 7. April 2010 mitgeteilt worden. Insofern sind Maßnahmen, welche die lineare Durchgängigkeit und/oder morphologischen Strukturen verbessern im Sinne der Förderrichtlinie förderfähig. Grundsätzlich sind bei geplanten Maßnahmen frühzeitig die jeweils zuständige Wasserbehörde und andere Betroffene zu informieren und einzubinden. Ob eine Maßnahme förderfähig ist und ob eine wasserrechtliche Zulassung notwenig wird, ist im Einzelfall zu entscheiden.
 
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Foto 3: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des
Gewässer-Nachbarschaftstages Westerwald-Lahn
und Taunus-Lahn diskutieren vor Ort, wie der für
Kleinfische und Bachlebewesen nicht
überwindbare Wehr bzw. Absturz durchgängig
gestaltet werden kann. (Foto: Thomas Paulus)
 
 
Im Gebiet des Landkreises Limburg-Weilburg wurden gemäß Strukturgüteinformationssystem (Datenbank Wanderhindernisse) des Landes Hessen an den Gewässern insgesamt mehr als 700 Querbauwerke registriert. Davon sind ca. ¾ nicht oder nur bedingt für Gewässerorganismen passierbar und müssen entsprechend dem Maßnahmenprogramm bis spätestens 2027 umgestaltet werden. Der Kreis als Untere Wasserbehörde hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt bis zum Jahr 2015 ca. 250 dieser nicht passierbaren Querbauwerke umzugestalten. Um diese Ziel erreichen zu können, müssen die unterhaltungspflichtigen Kommunen auch im Rahmen der Unterhaltung mit den fachlich ausgebildeten Bauhöfen einen Teil der vorhanden Abstürze umbauen oder beseitigen.
Im Rahmen der Veranstaltung konnten in Abstimmung mit dem Bauhof der Gemein-de Villmar mehrere Wehre und Abstürze am Laubusbach in der Gemarkung der Gemeinde Brechen, Kreis Limburg-Weilburg, entfernt werden. Die Teilnehmer trafen sich am Nachmittag am Laubusbach und diskutierten intensiv, welche Betonschwellen entnommen werden sollten und was mit dem Material zu geschehen habe. Die Untere Wasserbehörde und die Gemeinde Villmar hatten im Vorfeld einen erfahre-nen Baggerfahrer sowie einen LKW für den eventuellen Abtransport des Materials an das Querbauwerk beordert. Die Funktion der Schwelle wurde in der Stabilisierung der Sohle und der Verhinderung einer ungewollten Tiefenerosion gesehen, die jedoch unter heutigen Gesichtspunkten nicht den wasserwirtschaftlichen Ansprüchen entspricht.
 
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Foto 4: Die erste Betonschwelle wird unter
genauer Beobachtung der interessierten
Teilnehmer entnommen und am Ufer zertrümmert.
(Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
 
Nach intensiven und z. T. kontroversen Diskussionen der GN-Teilnehmer entfernte der Baggerfahrer die Betonschwellen aus dem Bachbett, zertrümmerte die Bruchstücke und baute diese im Stile eine rauen Rampe wieder in das Bachbett ein. Das komplette Entfernen des Wehres wurde verworfen, da man die Sohlenerosion nicht fördern wollte. Einige Teilnehmer sprachen sich für den Abtransport der Betonteile aus, andere plädierten für den Einbau der Betonteile, sofern keine Metallmaterialien darin enthalten seien. Man einigte sich jedoch auch aus Gründen der Praktikabilität und Kosteneffizienz, das Material wieder als Baumaterial in die Sohle einzubringen. Metallarmierungen wurden keine gefunden. Die beiden zuvor ca. 40 cm hohen und 3 m breiten Abstürze waren für Kleinlebewesen und Kleinfische bei Mittel- und Nierigwasser nicht passierbar. Nach dem Umbau stellte sich die flach geneigte Rampe mit einem vielfältigen Stömungsmuster dar Im Vorfeld fand eine Abstimmung mit den Anliegern und den Naturschutzverbänden statt. Im direkten Umfeld der Maßnahme verliefen keine Leitungstrassen, die angrenzenden Flächen befinden sich im Besitz der Gemeinde. Der Landwirt, der die nahen Flächen als Weide nutzt, war in die Maßnahme eingebunden und vor Ort.

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Foto 5: Die skeptischen Blicke der Teilnehmer
verraten, dass man dem Baggerführer nicht
zutraute, die groben Betonschwellen in
handhabbare Stücke zu verkleinern.
(Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
Diese einfache und unbürokratisch durchgeführte Unterhaltungsmaßnahme soll zur Nachahmung anregen. Die Umsetzung solcher Maßnahmen trägt zur Zielerreichung der EU-WRRL bei, ist kostengünstig und unterstützt die naturnahe Gewässerentwicklung nachhaltig. Zweifelsohne muss die in den nächsten Jahren die Baumaßnahme begleitet werden und bei Fehlentwicklungen frühzeitig gegengesteuert werden. Insbesondere gilt es durch den Einbau von Totholzstrukturen und Geschiebezugabe die unterhalb des ehemaligen Wanderhindernisses entstandene Tendenz zur Tiefenerosion entgegen zu wirken. Ansonsten könnte infolge von rückschreitender Erosion auch diese Bauweise gefährdet sein und sich eine Erosionsstufe einstellen.Die unterhaltungspflichtige Kommune muss in Sinne einer nachhaltigen Gewässerentwicklung die zweifelsohne ungewöhnliche, kostengünstige und innovative Maßnahme regelmäßig im Rahmen der turnusmäßigen Gewässerunterhaltung überwachen.
 
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Foto 6: Die zertrümmerten Teile werden versetzt
in die Sohle des Bachbettes gedrückt. Dadurch
entsteht ein Mosaik von schnell und langsam
fließenden Bereichen. (Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
 
 
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Foto 7: Werner Gleim, ehemals Mitarbeiter des
Regierungspräsidium Gießen und Betreuer der
benachbarten Gewässer-Nachbarschaft Mittlere
Lahn zeigt dem Baggerfahrer, wo und wie die
Betonbruchstücke eingesetzt werden sollten.
(Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
 
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Foto 8: Die raue Rampe ist nach dem ca.
20-minütigen Umbau für alle
Gewässerorganismen in beide Richtungen
passierbar und erfüllt damit die Forderungen
der EU-WRRL. (Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
 
 
 
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Foto 9: Durch das Entfernen des
Querbauwerkes kann sich der Laubusbach
wieder naturnah entwickeln und bietet der
heimischen Flora und Fauna neuen und
zusätzlichen Lebensraum.
(Foto: Thomas Paulus)
 
 
 
Die GFG mbH veröffentlicht Ende 2010 anlässlich ihres 15-jährigen Bestehen eine Broschüre mit dem Titel „Wiederherstellung der linearen Durchgängigkeit von Fließgewässern im Rahmen der Gewässerunterhaltung – Empfehlungen für die unterhaltungspflichtigen Gemeinden und Städte“. Darin werden beispielhaft Projekte aus den Ländern Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Baden-Württemberg und Thüringen zeigen, dass die Durchgängigkeit von Fließgewässer durch kostengünstige und effiziente Unterhaltungsmaßnahmen von Kommunen bewerkstelligt werden kann.


Thomas Paulus, GFG mbH Mainz,
Berthold Müller und Frank Zell, Untere Wasserbehörde, Landkreis Limburg-Weilburg
Herbert Diehl, Regierungspräsidium Gießen, Abteilung Umwelt- und Arbeitsschutz
Werner Gleim, Gemünden